Aktualisiert (Mittwoch, 16. September 2009 um 20:15 Uhr)

Aussage der Woche: Junge, bist Du verrückt? Man wird Dich noch Erschießen!

Erfahrungsbericht in Stichworten - Wahlkampf eines Bürgers für seinesgleichen, Woche 3, Teil 2

Der Hitze des Mittwoch folgt ein frostiger Donnerstag, der ständig mit Regen droht. Am frühen Vormittag geht es zu einem Termin mit dem Rad an der Staatskanzlei vorbei. Dort sammeln sich Bauern um gegen die Pflicht zur Impfung mit der Blauzungenkrankheit zu protestieren. Da ein wenig Zeit ist, bleibe ich zum Plausch und höre mir die ungefilterten Aussagen der Bauern an. Das Gefühl der Bauern ist, dass sie sich einer bürokratischen Willkür ausgeliefert sehen, die an ein totalitäres Regime erinnert. Ich frage nach, ob sie die Verantwortlichen wieder wählen wollen. Ratlosigkeit ist die Reaktion, eine Antwort haben die Bauern nicht.

Wieder unterwegs im Wahlkreis begleiten mich beständig die gleichen Eindrücke: Die Themen der Medien, Wirtschaft, Arbeitslosigkeit, Opel, Afghanistan, Regulierung der Banken, Finanzkrise, Wirtschaftskrise nennt rein gar niemand. Die Statements schwanken zwischen Wut und Resignation: „Es reicht, so geht es nicht weiter, die machen sowieso was sie wollen. Seit dreißig Jahren erzählen sie uns das Gleiche: Der Karren ist im Dreck, Gürtel enger schnallen, Arbeitsplätze in Gefahr, blablabla.“ Über das bevorstehende Fernsehduell spricht niemand. Am Abend im Kreuzberger kommen keine Bürger. Keine Information oder kein Interesse? Die Gespräche an den Nachbartischen drehen sich um den Urlaub, um Grundstückspreise in Thailand, um den neuen Flügeltürer von Mercedes, um die Wies’n, und um das was im Job so abgeht. Über die Wahl spricht keiner, nicht mal über die 2. S-Bahn-Stammstrecke oder das laufende Volksbegehren der ÖDP.

Der Freitag begrüßt den Wahlkämpfer mit Nieselregen. Der Infostand am Isartorplatz wird mäßig frequentiert, die Gespräche sind interessant. Aber irgendwie verdichtet sich der Eindruck, dass die Menschen das Ganze nicht halb so ernst nehmen wie man erwarten würde. Nun, wir sind mitten in München und hier gelten wohl nach wie vor andere Maßstäbe. Krise? Wo? Probleme? Welche? Neben einigen guten Gesprächen konnten wir immerhin etlichen Touristen dabei helfen, den richtigen Weg zu finden. Der Bürgerabend in Allach erinnert fatal an den Abend zuvor. Zwei junge Männer sind entsetzt: Volksentscheide? Bloß nicht. Ist alles Scheiße. Genauer nachgefragt wissen sie nicht mal, dass es Volksentscheide in Bayern schon seit 1946 gibt und den Unterschied zu Bürgerentscheiden. 5 Weißbier und 12 Zigaretten in zwei Stunden sind wesentlicher.

Der Samstag lädt mit freundlicherem Wetter ein und verspricht einen angenehmen Infostand in der Rosenstrasse. Wir platzieren uns in einem unerwarteten Trubel: Die Menschen sind offenbar aus dem Urlaub zurück und kaufen ein als gäbe es kein Morgen mehr. Entsprechend haben wir am Stand alle Hände voll zu tun und Fragen zu beantworten. Mein Mitstreiter trägt ein spezielles T-Shirt, schwarz mit dem Aufdruck: „CDU/CSU verweigern uns seit über 60 Jahren Volksentscheide.“ Ich mache gleich Scherze, dass er damit eher als Unionsanhänger durchgehen wird. Und siehe da, bereits der erste am Stand heult auf: CSU, o Gott, hau bloß ab! Und weg ist er. Nach dem dritten Mal ist das T-Shirt weg. Wir nehmen das mit Humor. Ansonsten sehen wir uns einer Menge Fragen gegenüber, die wir nicht erwartet haben: Wahlrecht, Grundgesetz, Politik außerhalb der Parteien, und zum ersten Mal mit einem gestylten und gelackten Vertreter, der uns als Spinner bezeichnet. „Volksentscheide? Ihr Spinner“! Ihr Idioten! Wirklich nicht! Damit die Asozialen die Herrschaft übernehmen und alles den Bach runtergeht!“ Nun, wir denken, Meinungsfreiheit beruht auf Respekt. Die Mehrheit derer Interessierten hatte den Vorteil einer gelungenen Erziehung!

Fortsetzung folgt!

Zum Bericht Woche 3, Teil 1

Zum Pressebericht vom 08.09.2009


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